Wanderfahrt auf der Themse 05.06.-16.06.16

Von der Halfpenny- zur Tower Bridge
Erlebnisreiche 240-Kilometer-Wanderfahrt auf der Themse

alle Fotos

Wer die Themse-Brücke in Lechlade einst zu Fuß überqueren wollte, musste bis 1839 einen halben Penny berappen. Daher der Name Halfpenny Bridge. Eben dieser Brückenbogen, erbaut im Jahre 1792 und gut 200 Flusskilometer westlich von London gelegen, ist gleichsam das Tor zur schiffbaren Themse.

Etwa 300 Meter oberhalb, in einer Parklandschaft, schoben wir am 6. Juni zwei Vierer des Potsdamer RC Germania Berlin in den Fluss, der als Heimstatt des modernen Rudersports gilt.
13 Ruderinnen und Ruderer aus fünf Berliner Vereinen (wenn man die fördernden Mitglieder mitzählt, war PSB 24 am stärksten vertreten *) starteten zur Wanderfahrt auf der Themse – perfekt organisiert von Mathias (Matze) Zwirner und seinen kundigen Assistentinnen Gabi Beutling und Edith Frieser.

Gleich einen Kilometer von besagter Brücke entfernt kündigte eine Tafel mit der Aufschrift „Welcome to St. Johns Lock“ die erste von 44 Themse-Schleusen an. Wie an jeder weiteren Staustufe verriet die Tafel überdies, ob der Lock Keeper, der Schleusenwärter, im Dienst ist oder gerade pausiert, weshalb man sich bisweilen selbst bedienen darf und muss. Das gilt sowohl für die ersten, mit Handkurbel und langen Hebelbalken zu bedienenden Schleusen als auch für die elektrisch betriebenen im Unterlauf.

Beim Lock Keeper von St. Johns hatten wir allerdings zunächst unseren Flusszoll zu entrichten: Als Quittung erhielten wir eine Vignette für „a visiting unpowered pleasure boat“. Dabei waren wir doch weder „kraftlos“ (unpowered) noch zu reinem Vergnügen (pleasure) unterwegs, sondern als Sportler.
Aber auf der Themse zu rudern, war uns in der Tat ein Vergnügen, oder um Dieter Arndts Lieblingsspruch zu zitieren: „Haben wir nich‘n schönen Sport?“
Am Rande von St. Johns wacht übrigens „Father Thames“ in Stein über den Schleusenvorgang und sinnt womöglich darüber nach, warum er als rauschebärtiger Flussgott im Deutschen weiblich „die Themse“ heißt.

 

Im Konvoi mit Narrowboats

Die Strömung des Flusses hielt sich entgegen Matzes Ankündigung in bescheidenen Grenzen, was es leichter machte, die vielen engen Windungen zu passieren, ohne sich im Ufergestrüpp festzufahren. Auch die auffälligen Narrowboats, einst als Lastkähne genutzt und heute als Ausflugsboote zu mieten, die ihre geringe Breite (gut zwei Meter) durch etwa 20 Meter Länge wettmachen, navigieren problemlos flussauf- und abwärts. Der geringe Abstand zwischen den Schleusen (maximal 10 Kilometer) brachte es mit sich, dass wir manches Boot mehrfach trafen und mit der Besatzung Bekanntschaft schlossen.

Erstes Etappenziel war bereits nach 20 Kilometern und fünf Schleusen die Tadpole Bridge, gleichfalls ein ehrwürdiges Bauwerk aus dem 18. Jahrhundert. Gleich daneben liegt das Gasthaus „The Trout“ (Forelle), deren Betreiber uns erlaubten, unsere Boote für die Nacht am Ufer festzumachen, während wir im Kleinbus unser Nachtlager aufsuchten.

 

Dass die Zeit der Brückenzölle nicht vorbei ist, erfuhr unser Landdienst schon am nächsten Tag. Auf dem Weg von der Tadpole Bridge zur Mittagsrast an einer der Schleusen war die privatisierte Swinford-Bridge zu passieren. Fünf Pence (6 Cent) Brückenmaut – nicht am Automaten zu entrichten, sondern bar in die Hand eines Brückenzöllners – lohnten einen Umweg nicht.
 
Die Landschaft am Oberlauf der Themse ist abwechslungsreich: Weite Weiden- und Wiesenflächen wechseln mit Hügellandschaften. „Dünn besiedelt“, heißt es in Beschreibungen, die davon absehen, dass außer den Schwänen Ihrer Majestät große Schwärme von Grau-, Kanada- und anderen Gänsen den Fluss besiedeln. Am Backbordufer fielen hier und da bemooste Bunker auf – Hinterlassenschaften des Krieges, gedacht als Verteidigungsanlagen für den Fall einer Invasion.
 
Unser zweites Tagesziel war als Universitätsstadt und Herkunftsort des Oxford-Achters – beim jährlichen Boat Race Konkurrent des Achters der Universität Cambridge – jedem Ruderer ein Begriff. Die Trainer können offenbar aus einem großen Reservoir an Athleten schöpfen, denn am Oxforder Themse-Ufer reiht sich ein Bootshaus an das andere. Wir legten am City of Oxford Rowing Club an. Der Versuch, eine Stadtbesichtigung anzuschließen, gelang allerdings nur bedingt: Kein Parkplatz weit und breit für unseren Kleinbus, aus dem beabsichtigten Spaziergang wurde dadurch eine Rundfahrt.
 
Ganz anders der Ort unserer Mittagsrast am nächsten Tag: ein verschlafen wirkender Flecken namens Clifton Hampden, mit einer Kirche auf hohem Ufer und einem Krämerladen nebst Post Office. Auf einer Wiese verspeisten wir die vom Landdienst besorgten Sandwiches. Ziel der 33 Kilometer langen Etappe war jedoch der Wallingford Rowing Club, auf dessen engem Gelände sich nur schwer noch ein Platz für unsere zwei Boote fand, denn jeder Quadratmeter war mit übereinander gestapelten Rennbooten aller Klassen belegt.
 
 

Ruderlegenden und Ruderhistorie

Wir näherten uns dem Mekka des Rudersports – Henley on Thames. Was Wimbledon für die Tennisfreunde und Ascot für die Pferdeliebhaber ist Henley für die Ruderer. Auch für Wanderruderer ist es ein erhebendes Gefühl, zwischen den Holzbalken zu rudern, die den traditionsreichen Regattakurs begrenzen. Unser Quartier lag zwar außerhalb der Stadt, doch vor uns lag ein Ruhetag. Den nutzten die Monarchisten unter uns, um per Bus und Bahn Schloss Windsor zu besuchen. Die Sportlicheren dagegen besichtigten das Fluss- und Rudermuseum in Henley, vor dessen Eingang die Statuen zweier britischer Ruderlegenden – Steven Redgrave und Matthew Pinsent – stehen. Im Museum kann man die Geschichte der Ruderei von den antiken Anfängen bis in die Gegenwart verfolgen. Historische Exponate und Videos von Sternstunden des Rudersports riefen manches „Hast Du das gesehen?“ hervor. Kurz steckten wir unsere Nasen auch in das vornehme Haus des erfolgreichsten Ruderclubs der Welt, des Leander Clubs, der sich rühmt, nicht weniger als 111 Olympiamedaillen errungen zu haben.

 

Wir ruderten anderntags – ohne Medaillenhoffnungen – weiter nach Old Windsor. Bei der Rast am Bootshaus in Maidenhead bekannte eine einheimische Juniorentrainerin, dass sie mit ihren Jungen auch gerne mal die Themse herunterrudern würde …
 
Der Fluss war inzwischen breiter geworden, statt einzelner Häuser säumten spätestens ab Henley stattliche, stilvolle Villen die Ufer. Bisweilen war daran sogar das Abstimmungsverhalten des Besitzers beim kurze Zeit später anberaumten „Brexit“-Referendum abzulesen: „Leave“!
 
Schloss Windsor, den königlichen Landsitz, passierten wir am sechsten Rudertag. Natürlich war es untersagt, an den ausgedehnten Kronländereien anzulegen. Eigenartig nur, dass da kein Protestbanner „Nein zu Heathrow!“ am Schlossgemäuer prangte, denn der Fluglärm war beträchtlich. Am Weybridge Rowing Club machten wir Halt, um den Landdienst auszutauschen und uns zu stärken. Tatsächlich lag da neben vielen Rennboten auch ein Gig- Vierer der Berliner Bootswerft. In unmittelbarer Nähe des Clubs mündet der River Wey in die Themse. Als Teil der River Wey and Goodalming Navigations ist der Fluss 32 Kilometer weit schiff- und also ruderbar. Man müsste mal …, wenn man Zeit hätte! Unser Tagesziel war indes Kingston, schon an der Grenze der britischen Hauptstadt gelegen.
 
 

Durch London mit ablaufender Flut

Von Kingston sollte es zum großen Finale der Fahrt mitten durch London bis nach Greenwich gehen. Wir passierten also die letzte Schleuse und ruderten fortan auf der Gezeiten-Themse, dem Tideway, mit ablaufender Flut und zunehmender Strömung. Die Metropole empfing uns allerdings mit einem kräftigen Guss. Bis dahin waren wir vom berüchtigten britischen Regenwetter weitgehend verschont geblieben. Aber wie hatte Matze doch versprochen: „England kann auch bei Regen schön sein.“ Zumal es sich bald wieder aufheiterte. London vom Wasser – das war wirklich ein Erlebnis: zwölf Brücken unterschiedlichster Baustile auf zehn Kilometer Flussstrecke, Westminster, Big Ben, London Eye, futuristische Glasbauten und schließlich die Tower Bridge … zwischen Fähren und Ausflugsschiffen schaukelten wir durch die Stadt. Kaum blieb Zeit für Fotopausen.

 

Erst kurz vor dem Ziel in Greenwich stoppte uns ein Patrouillenboot der Hafenbehörde: Wir hätten uns anmelden müssen, mindestens zu unserer Sicherheit. Nach längeren Diskussionen ließ man uns jedoch ziehen. Ohnehin hatten wir die Boote am Poplar Rowing Club aus dem Wasser nehmen wollen. So geschah’s denn auch. Ohne Pause wurden die beiden Vierer auf den Hänger verladen und Matze steuerte das lange Gefährt souverän durch den Großstadtverkehr.
 
Ein Tag blieb noch, London von Land aus zu besichtigen, bevor die einen ins Flugzeug stiegen, während die anderen den strapaziösen Land- und Wasserweg über Dover und Calais, durch Frankreich und Belgien zurück nach Berlin antraten. Das wäre viel Stoff für ein zweites Kapitel.
 
 
In sieben Tagen hatten wir eine Wanderfahrt absolviert, die dem Charakter des Flusses nach mit einer Fahrt von der Großen Tränke an der Müggelspree über die Donau bei Budapest bis in den Hamburger Hafen vergleichbar wäre – nur eben auf 240 Kilometer zusammengedrängt. Ein unvergessliches Erlebnis im Geburtsland des Rudersports, für das die Teilnehmer den Organisatoren danken.
 
 
 
 
 

Detlef D. Pries
  Pro Sport Berlin 24

*) Anm. d. Red.:  :-)) Auch bei dieser Statistik sollte man Teilnehmer nicht doppelt zählen! Es bleibt beim Gleichstand Pro Sport 24 und BRG!